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Als wir im Dezember 2009, sozusagen aus dem Nichts heraus, beschlossen in ein anderes Land zu gehen, und das auch noch ohne jemals dort gewesen zu sein, hielt uns natürlich die beachtliche Mehrheit unserer Bekannten und Verwandten für komplett durchgeknallt.


Jeder meinte uns mit Ratschlägen oder Meinungen zu helfen. Ich musste mir hunderte Geschichten anhören, was ein jeder jemals von wem auch immer gehört hatte.

 


Ein Freund von uns, Harry, ist wohl einer der wenigen Ausländer, welcher total integriert ist bei den Einheimischen und in den letzten Jahren kaum noch Kontakt mit Ausländern hatte. Und durch ihn sind wir in den Genuss gekommen, von Anfang an richtig hineinschauen zu dürfen in eine uns völlig fremde Realität, in deren Leben, welches um so vieles anders ist, als wir es uns jemals vorzustellen in der Lage waren.

Ich lebe im Nord/Westen einer Insel, wo kaum Tourismus herrscht und die Zeit in den letzten 20 Jahren noch stehengeblieben zu sein scheint. Ich würde nicht behaupten das ich schon einheimische Freunde gefunden habe und das ist sicherlich auch nicht einfach(ohne die Sprache zu verstehen), jedoch durfte ich am eignen Leib erfahren, was es heißt mit so viel Unterstützung und Loyalität rechnen zu dürfen, nur aus dem einfachen Grund heraus, ein guter Freund eines guten Freundes zu sein. Unglaublich.

Im Alltag bemerkte ich sehr schnell, dass mir alles bisher in meinem Leben gelernte hier überhaupt gar nicht weiterhilft, ein kompletter Neuanfang auf uns alle wartete. Auch mein Sohn musste mit seinen 7 Jahren diese Erfahrung machen. Am Anfang hat ihn das absolut wütend gemacht. Wenn er mit den einheimischen Kindern spielte, dann wollte er gewinnen, Regeln aufstellen, auch mal streiten und sich durchsetzen, sehen wer der Stärkere ist und wer nun die Hosen an hat. Doch hier funktionierte sein "Schema F" nicht. Es war als würde er kontinuierlich gegen eine nicht existente Mauer drücken. Ich habe meinen Sohn wütend erlebt, am platzen, am stinkstiefeln, ehrlich gesagt hat er sich ziemlich unmöglich benommen. Doch war wohl ich, ausgerechnet seine Mutter – und ich liebe meinen Sohn über alles – die Einzige, welche sein Verhalten verurteilt hat, welche sein Verhalten wütend gemacht hat. Die Kids sind ihm einfach nur aus dem Weg gegangen, während er es sich selbst so schwer gemacht hat und waren absolut offen und bereit ihn in ihrer Gruppe erneut aufzunehmen, als er nach einer Weile wieder ankam, sich wieder beruhigt hatte und weiterspielen wollte. Ich bin glücklich über die Möglichkeiten die sich hier für meinen Sohn aufgetan haben, es gibt so viel zu lernen, für ihn, für mich, für jeden von uns.

Ich muss sagen, gerade die Kinder haben mich mit ihrer Art des Öfteren, im wahrsten Sinne des Wortes, zum Heulen gebracht. Harry meinte nur schmunzelnd, bist Du wieder Freundlichkeitsallergisch? Durch zwei Bekannte, die Direktorin und Lehrerin einer hiesigen Schule habe ich Dinge beobachten können, die mich wirklich zum Staunen brachten. Habe ich doch kleine Kinder auf dem Schulhof, auf welchem sie einen riesige Statue stehen haben, auf die Knie sinken und beten sehen. Ob sie sich nun für gute Noten bedankten oder für mäßiges Verhalten entschuldigten, beeindruckt hat es mich allemal. Ich frage mich, wie schaffen hier die Menschen nur, ihren Kindern so ein selbstverständliches Gottesbewusstsein zu vermitteln? Da scheint in unserer Kultur gehörig der Wurm drinnen zu sein. Was meint Ihr? Ob das nicht der Hauptgrund ist, für die verlorengegangenen Werte in der europäischen Welt? Wenn unsere Kinder das nicht erst im Erwachsenenalter über Umwege selbst entdecken müssten, sondern schon von Kindesbeinen an vermittelt bekommen würden – wär wohl so manches anders!

Auch der offensichtliche Respekt vor dem Alter ist wirklich beeindruckend. Nach 10 Jahren Spanien war ich ganz klar der Auffassung, das Alter, Falten und weiße Haare ein Makel sind, wir gegen die Zeit verlieren, fast schon ein Versagen unsererseits der Jugend zu entsagen. Hierzulande habe ich eine wirklich schöne, eine völlig neue Erfahrung machen dürfen. Denn wenn man mit anderen Menschen zusammenkommt, wird man meist gleich nach seinem Alter gefragt und mit einem verzogenen Grinsen antwortete ich dann gewohntermaßen “37“, ja ich weiß, schon sooo alt, seufz!” oder meine Schwiegermutter 73 ne alte Schachtel eben”. Wenn man jedoch in dieser Art und Weise reagiert, wird man ganz verwirrt angesehen, es geht den Menschen nämlich um etwas ganz anderes. Der jeweils Jüngere ist “Nong” und der ältere “Pi”. Jeder ist in seinem Leben mal das eine und mal das andere. Bedeutet das „Nong“ der Jüngste in der Runde, den jeweils Älteren versorgt, verwöhnt und betuddelt. Wenn die Getränke ausgehen und mal kurz zum nächsten Kiosk gefahren werden muss, dann macht das der jeweilige Nong, wenn eingeschenkt wird oder Eis vom Kühlfach geholt wird, oder, oder, oder… Selbst bei meiner Schwiegermutter habe ich 70jaehrige Männer erlebt, die ihr, sobald sie ihr Alter hörten, Respekt zollten, auch wenn sie nur 3 Jahre älter war und wahrscheinlich ungefähr 10 Jahre jünger aussah.

Apropos Respekt, noch eine lustige Geschichte, die anfänglich für mich sehr erstaunlich war – mir mittlerweile jedoch sehr gut gefällt. Als ich auf den Boden saß um ein paar Bilder zu sortieren ging ein Arbeiter gebückt an mir vorbei und ich dachte mir: “Was hat der nur? Tut dem was weh?”. Diese Situation kam jedoch des Öfteren und ich bemerkte dass selbst in öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel in einer Bank, lauter Stühle für die wartenden Kunden aufgestellt waren. Wenn Du dann auf diesem sitzt (und das wird eigentlich erwartet – mittlerweile weiß ich auch warum) und jemand an Dir vorbeigeht, neigte dieser dann plötzlich den Kopf. In einem Einkaufszentrum habe ich einen Kunden zahlen sehen, welcher in einem Rollstuhl saß, der Verkäufer an der Kasse ging fast auf die Knie. Warum das alles? Weil sich keiner grösser machen möchte als der jeweils andere!

Deswegen ist es auch üblich sich hinzusetzen, wenn andere sitzen und nicht einfach daneben stehen zu bleiben. Dies wird als völlig unhöflich empfunden. Irgendwie faszinierend, finde ich , aus einer Welt kommend in dem es Volkssport ist seinem Gegenüber zu vermitteln – ich bin besser als Du, grösser als Du, stärker als Du, reicher als Du, schöner als Du, intelligenter als Du etc. ! Mittlerweile neige auch ich meinen Kopf wenn ich an sitzenden Menschen vorbeilaufe und bemerke ein wohlwollendes Lächeln, das ich versuche ihre Kultur zu verstehen und zu respektieren.

Der absolute Hammer für mich war jedoch das hiesige Gottvertrauen! Ich bin ein absolut schicksalsgläubiger Mensch, spüre Gottes Präsenz und vertraue auf die Kraft des Universums. Auch bin ich der Meinung, wenn unsere Zeit eben abgelaufen ist, ist sie abgelaufen. Ob mir nun eine Kokosnuss auf den Kopf fällt oder in Europa eine Dachschindel. Doch das mein ach so großes Vertrauen in Gott und das Universum, scheinbar gar nicht so konsequent gelebt wurde wie ich das bisher dachte, das erkannte ich hier. Denn das Vertrauen in Gott und in das jeweils eigene Schicksal (und Karma), das wird hier mit einer so extremen Konsequenz gelebt, das es mir doch sehr für meine eigenen scheinbaren Zweifel und Grenzen die Augen öffnete. Denn ertappte ich mich anfangs doch immer wieder nach oben auf eventuell herunterfallende Kokosnüsse schielend herumzulaufen. Oder klatschend durch den Dschungel zu trampeln, zwecks eventueller Schlangen die meinen Weg kreuzen könnten. Mittlerweile hatte ich die eine oder andere Gelegenheit dazuzulernen, einige Zusammentreffen mit Kobras oder Giftschlangen zu er – und überleben. Ich erkannte, das weder Schlangen oder Skorpione, noch giftige Spinnen jemanden angreifen, sondern es so was wie ein Unfall ist, wenn etwas mit diesen Tieren passiert, man sich praktisch draufsetzt oder ähnliches.

Die Art und Weise Moped zu fahren ist wohl ein ganz ähnliches Prinzip. Mütter fahren einhändig Moped, in der zweiten Hand einen kleinen Säugling tragend und hinten drauf noch 2 oder drei Kinder sitzend. Für einen europäischen Verkehrspolizisten wohl ein abartiges Bild. Man könnte schlussfolgern das die Menschen absolut verantwortungslos sind. Doch weit gefehlt. Es ist ihr totales und kompromissloses Vertrauen in Gott, welches sie so “gedankenlos” sein lässt. Das Unglaubliche ist, das wirklich nichts passiert. Die meisten Unfälle sind wohl von Ausländern, Touristen, ansonsten passiert hier wohl nicht mehr oder weniger wie überall auf der Welt. Es funktioniert. Es funktioniert wirklich. Denn wenn es so sein soll, dann soll es ebenso sein. Dann ist Dein Moment eben gekommen, egal auf was für eine Art und Weise Dich nun Gott zu Dir ruft oder Dir durch einen weniger schweren Unfall eben etwas aufzuzeigen hat. Und bis dato eben wird einfach gut nach hohen Werten gelebt, vertraut auf Gott und macht sich möglichst keinen unnötigen Kopf. Faszinierend!

Auch mitzuerleben, das es ein absolut funktionierendes System gibt, in welchem jeder auf den anderen achtet, wo Armut oder Reichtum eine total untergeordnete Rolle spielen, hat mich sehr fasziniert. Ich kenne mehrfach die Situation, dass Leute mit viel Geld oder Grundbesitz ihr Haben mit einer Selbstverständlichkeit teilen, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Wirklich viele leben ohne auch nur die geringste Miete zu zahlen auf den Grundstücken von Reichen, bauen sich auf diesen ihre Holzhäusschen und wissen sich gut aufgehoben, da jeder auf den anderen achtet und sie sich wie in einem Clan wissen, wo sich keiner alleine gelassen fühlen muss. Witzig auch, dass man von außen überhaupt nicht merkt, wer nun derjenige welche ist, der Geld – manchmal sogar sehr viel Geld hat, und wer derjenige welche, der vielleicht nur umgerechnet 100 EUR oder weniger monatlich zur Verfügung hat. “Reich ist der, welcher wenig braucht” ist das Motto und wird von vielen auch so gelebt.

Dass so etwas wie Autos praktisch zum Allgemeinwohl da sind, braucht kaum erwähnt zu werden. Wir wollten uns eigentlich eines kaufen, doch ist das überhaupt nicht nötig, wir warten damit zumindest mal bis zur Regenzeit. Als Freund eines Freundes können wir immer auf ein Auto zurückgreifen, den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Ansonsten gurken wir wie fast jeder Inselbewohner mit unseren Mopeds durch die Gegend und es geht uns fantastisch dabei. Mein Mann ist übrigens gerade 1400km in den Norden gefahren und hat selbst dafür einfach mal ein nagelneues Auto ausgeliehen bekommen, von Leuten die wir praktisch gar nicht kennen. Ich frage mich ob selbst wir das mal so selbstverständlich gemacht hätten, obwohl wir zu den Menschen gehören die schon ihr Auto verliehen haben, ist das doch eher ein unübliches europäisches Verhalten, oder?

Ich bin erst seit kurzem hier im Paradies und habe schon so vieles erleben und lernen dürfen. Ich möchte unbedingt die einheimische Sprache lernen, denn so kann ich noch eine viel tiefere Einsicht haben in deren Kultur und Sein. Thailand und der Kontinent hier faszinieren mich ungemein und ich danke Gott für diese riesige Möglichkeit so vieles an Neuem zu lernen und auch Altbekanntes zu hinterfragen. Ich sende Euch eine herzliche Umarmung aus Koh Samui und wünsch Euch Allen ein Wunder-Volles Leben!

Liebe Grüße aus dem Paradies


Kerstin

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Kerstin Ruschka, geboren in Deutschland, lebte 10 Jahre in Spanien, bevor sie nun mir ihrer Familie nach Asien gezogen ist.