Mike Düring 2joy Märchen
Ein Märchen für Erwachsene :-)
Irgendwo in einer weit entfernten Galaxie gibt es einen Planeten, der 2joy heißt. Die Bewohner, also die Joyaner, sehen aus wie irdische Menschen. Der Planet selbst wurde von seinen Bewohnern deshalb 2joy genannt, weil er im gesamten Universum der Inbegriff für doppelte Freude und Glückseligkeit ist. Die Bewohner waren überfüllt mit Glück, ihre Gesichter strahlten. Nichts konnte sie davon abbringen, in besonders liebevoller Art und Weise miteinander umzugehen. Joyaner sind in ihrem Wesen voller Gefühl, Liebe und Emotionen.
2joy ist ein wunderbarer, blau schimmernder Planet - ähnlich unserer Erde. Der entscheidende Unterschied zur Erde besteht indes darin, dass 2joy von drei Sonnen beschienen wird. Auf dem Planeten gibt es somit keine Finsternis. Joyaner kennen ihren Planeten nur hell und warm. Tag und Nacht gibt es ebenso wenig wie wechselnde Jahreszeiten. Und dies ist der wichtigste Grund, warum Joyaner keine Schwankungen in ihrem Leben kennen: Denn der größte Einfluss auf ihr gesamtes Wesen, das Licht, ist immer konstant vorhanden.
Die Galaxie, in der der Planet 2joy kreist, ist von der Erde so weit entfernt, dass man hier dieses Sonnensystem lange Zeit nicht entdecken konnte.
Doch die irdischen Teleskope wurden leistungsfähiger – und eines Tages gelang es den Menschen, selbst in die entferntesten Winkel des Universums zu blicken. Es war schon seit Anbeginn der Menschheit deren ureigenster Drang, Neues zu entdecken und Grenzen zu überschreiten. Und wenn die Menschen nicht mehr weit genug schauen konnten, waren sie immer so kreativ, Hilfsmittel zu erfinden, mit denen sie noch weiter in die Welt blicken konnten.
Irgendwann reichte der Anblick des Sternenhimmels den Menschen nicht mehr aus. Die Menschen wollten nicht mehr nur schauen, sie wollten ins Weltall, um zu den Sternen zu gelangen.
Immer wieder wurden Grenzen, die vorher unüberwindlich schienen, durchbrochen. Innerhalb eines halben Jahrhunderts kam es vom Beginn der ersten Flugversuche zum Start eines Satelliten, der in eine Erdumlaufbahn gebracht wurde. Kurz darauf gelang es, den ersten Menschen in den Kosmos zu schicken. Es war eine unglaubliche Zeit: Unter den Menschen entbrannte ein Wettstreit, wer schneller, höher und weiter fliegen konnte. Schließlich verwirklichten die Erdbewohner einen uralten Traum und landeten auf dem Mond. Von diesem Augenblick an konnte kein Ziel mehr weit genug entfernt sein. Nach und nach wurden alle Planeten unseres Sonnensystems erobert – bis zum fernen Pluto.
Die Raumschiffe wurden immer schneller. Hunderte Jahre später war es soweit. Obwohl sie ein paar Mal kurz davor war, sich selber zu vernichten, überlebte die Menschheit und verließ schließlich ihre heimatliche Galaxie. Längst konnten die Raumschiffe mit Lichtgeschwindigkeit reisen. Es war ein Aufbruch in die Ungewissheit, der Erfolg der Expedition nicht sicher. Aber wieder konnte etwas begonnen werden, das zuvor für völlig abwegig gehalten wurde.
Erst reiste man mit einfacher Lichtgeschwindigkeit, dann mit doppelter und schließlich zehnfacher – hui, war das schnell! Jedwede physikalische Geschwindigkeitsgrenze wurde überschritten.
Aber auch auf anderen Gebieten der Wissenschaft kam es zu rasanten Entwicklungen. Der ewige Drang der Menschen nach Unsterblichkeit führte zu unglaublichen Ergebnissen in der Gen-Forschung. Durch Gen-Manipulation wurde es möglich, dass die Menschen bis zu 600 Jahre alt werden konnten. Aber diese Langlebigkeit schuf Probleme. Restriktive Geburtenkontrolle war von nun an für die Menschheit unumgänglich. Es war nur noch wenigen erlaubt, Kinder auf die Welt zu bringen. Doch auch dies änderte sich irgendwann, denn die ersten bewohnbaren Planeten wurden entdeckt und besiedelt. In dem Drang, noch mehr zu erreichen, noch reicher, größer und mächtiger zu werden, höher, schneller und weiter zu fliegen und in ihrer unstillbaren Sehnsucht nach Unsterblichkeit hatten die Menschen indes eines völlig vergessen: Sie hatten verlernt einander zu lieben und bedingungslose Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hatten in ihrer rasanten Vorwärtsentwicklung schlichtweg vergessen, dass sie doch Lebewesen voller Gefühle sind. Es schien so, als ob alle Emotionen tief verschüttet, aber doch noch am Leben waren. Es sah so aus, als ob es unmöglich war, all den aufgetürmten Schutt fortzuschieben und sich zu befreien.
Im Laufe der Zeit hatten viele Menschen eine Angst vor Gefühlen entwickelt, weil sie so oft von anderen Menschen in ihrer eigenen Welt verletzt worden waren. Diese Angst wurde zum größten Feind jedes positiven Gefühles. Sie setzte sich in jedermanns Herzen fest.
Es ging schließlich nicht mehr darum, anderen eine Freude zu bereiten. Vielmehr nahmen die Angst und der Schutz der eigenen Gefühle immer größeren Raum ein. Viele Erdenbewohner entwickelten sich zu Wesen, die ganz bewusst ihre wahre Identität verleugneten und verbargen. Sie wurden zu Schauspielern, die ihr Gefühlsleben verheimlichten. Die Menschen hatten vergessen, dass bedingungslose Liebe niemals und niemanden verletzen kann.
Es kam letztlich soweit, dass es eine Seltenheit, ja - fast schon peinlich wurde, jemandem ein Geschenk zu machen, einem Mitmenschen irgendeine Freude zu machen, ohne sich dabei zumindest komisch vorzukommen. Zuneigung und Empathie – also genau das, was das Menschengeschlecht einst vorangebracht hatte - war kaum noch in den Herzen anzutreffen. Dort hatte sich inzwischen polare Kälte breit gemacht.
Man muss das alles wissen, um zu verstehen, wo der entscheidende Unterschied zum Planeten 2joy liegt. Denn hier lagen die Dinge ganz anders: Hier war man voller Gefühl und bedingungsloser Liebe gegenüber allen Lebewesen. Selbstverständlich gab es auch auf 2joy hin und wieder Konflikte unter den Bewohnern, doch durch ihre liebevolle Art und die Fähigkeit, immer wieder aufeinander zugehen zu können, wurden Missverständnisse schnell aus der Welt geschafft.
Dann kam schließlich der Tag, an dem es den Menschen gelang, eine Expedition in die entfernte Galaxie des Planeten 2joy zu unternehmen.
Wie schon geschildert, waren die Joyaner ausgeglichene und zugängliche Lebewesen. Sie grüßten einander mit einem herzlichen „Hoi, hoi!" , ein freundliches Lächeln fiel ihnen nicht schwer. Meistens nahm man sich zur Begrüßung gegenseitig in den Arm und drückte sich ganz fest. Jeder Joyaner wurde durchschnittlich 12 Mal am Tag in den Arm genommen. Zu lieben, zu lachen und neugierig durch den immerwährenden Tag zu gehen, war für die Joyaner völlig selbstverständlich.
Was die Joyaner besonders liebten, war die Gewohnheit, einander weiche, bunte Flaushys zu schenken. Jeder trug über der Schulter einen kleinen Rucksack und der war gefüllt mit diesen farbenfrohen Flaushys. Jedes Mal, wenn sich zwei Joyaner begegneten, gab der eine dem anderen solch einen Flaushy. Das signalisierte dem jeweiligen Gegenüber, etwas Besonderes zu sein. Das ist eben auch eine Art, einander zu sagen, dass man sich mag. Du kannst spüren, wie warm und kuschelig es in dein Gesicht berührt – und es ist einfach ein wunderbares Gefühl, wenn du es zu den anderen Flaushys in den Rucksack legst. Die Joyaner fühlten sich dadurch anerkannt und gemocht. Und wenn ein Joyaner ein Flaushy geschenkt bekam, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, ein anderes dafür zu geben.
Zu geben war auf 2joy das größte Geheimnis, warum die Bewohner des Planeten so leben konnten, wie sie lebten. Ihr gemeinsames Leben war von Harmonie und Frieden erfüllt. Gab es einmal Unstimmigkeiten, ging man aufeinander zu, lächelte und schenkte einander ein Flaushy. Und war die Welt wieder in Ordnung.
Die Menschen landeten schließlich unbemerkt auf 2joy. Aus sicherer Distanz beobachteten die Neuankömmlinge, wie die Joyaner miteinander umgingen, konnten sich deren Art aber nicht so richtig erklären.
Eines Tages trafen die beiden Spezies dann schließlich aufeinander. Der erste Joyaner, den die Menschen zu Gesicht bekamen, begrüßte die Menschen mit einem herzlichen „Hoi Hoi" und fragte mit breitem Lächeln: „ Ist heute nicht ein schöner Tag?" Die Menschen verzogen nur das Gesicht und gaben dem Joyaner keine Antwort. Der versuchte es anders: „Hier, ich schenke euch ein Flaushy. Es ist ein besonders weiches und bauschiges."
Aber die Menschen wollten das Geschenk des Joyaners nicht annehmen. Sie antworteten ihm: „Du, hör mal - sei nicht so großzügig mit deinen Flaushys, denn wenn du sie immer so einfach verschenkst, hast du irgendwann selber keine mehr. Du wirst eines Tages nicht ein einziges mehr davon haben, wenn du immer so großzügig bist!"
Erstaunt und ein wenig verunsichert schaute der Joyaner die Menschen an. Diese hatten in der Zwischenzeit dessen Rucksack geöffnet: „Schau mal, du hast nur noch 34 Flaushys in deinem Rucksack. Also wenn wir du wären, würden wir nicht eines mehr verschenken."
Verwirrt kehrte der Joyaner nach Hause zurück. Er war so irritiert, dass er gar nicht darüber nachdachte, dass alles, was er gerade gehört hatte, keinesfalls stimmen konnte. Denn jeder Joyaner besaß einen unerschöpflichen Vorrat an Flaushys. Schenkte er ein Flaushy, bekam er sofort von jemand anderem eines zurück. Dies geschah immer und immer wieder, ein Leben lang. Wie sollten einem die Flaushys da jemals ausgehen?
Unser verunsicherter Joyaner war wirklich deprimiert und traurig; er bekam erstmals in seinem unbeschwerten Leben Angst vor der Zukunft. Unentwegt grübelte er vor sich hin. Es dauerte nicht lange, da kam ein Freund vorbei, mit dem er in seinem Leben schon viele Flaushys ausgetauscht hatte. „ Hoi hoi! Wie schön ist dieser Tag!", rief der Freund und kramte ein Flaushy hervor. Doch unser nachdenklicher Joyaner lehnte ab: „ Nein, nein - behalt es lieber! Wer weiß, wie schnell sonst dein Vorrat abnimmt. Eines Tages stehst du mit leerem Rucksack da!"
Der Freund begriff überhaupt nichts, zuckte ratlos mit den Schultern, packte das Flaushy wieder ein und ging mit leisem Gruß davon.
Aber er nahm die verwirrten und verwirrenden Gedanken mit sich - und noch in der gleichen Woche konnte man überall hören, wie ein Joyaner zum anderen sagte: „Es tut mir leid - aber ich habe kein Flaushy mehr für dich. Ich muss darauf achten, dass sie mir nicht ausgehen!"
Bereits im folgenden Monat hatte sich dieser unselige Gedanke auf dem ganzen Planeten ausgebreitet. Alle Joyaner begannen, ihre Flaushys zu horten. Es wurden zwar hin und wieder noch Flaushys verschenkt, doch das tat man nur nach langer und gründlicher Überlegung. Meist waren abgenutzte Flaushys, die man sowieso hätte wegwerfen müssen. Damit nicht genug: Die ehemals so vertrauensseligen Joyaner wurden allmählich misstrauisch. Man begann sich argwöhnisch zu beobachten. Ja - man dachte sogar darüber nach, ob der andere wirklich ein Flaushy wert war. Manche fürchteten inzwischen, bestohlen zu werden. Sie versteckten ihre Flaushys nachts unter den Betten. Es brachen Streitigkeiten darüber aus, wer wie viele Flaushys besaß – und ob das so korrekt sei.
Schließlich begannen die Joyaner, ihre Flaushys gegen Sachen einzutauschen, anstatt sie wie früher einfach zu verschenken. Es gab mittlerweile sogar eine Erhebung, in der jeder mitteilen musste, wie viele Flaushys er im Besitz hatte. Später kam jemand auf die Idee, unterschiedlichen Flaushys einen bestimmten Gegenwert zuzuordnen. Und bald stritten sich die Joyaner darüber, wie viele Flaushys eine Übernachtung oder eine Mahlzeit im Hause eines anderen wert sein konnte.
Es gab mittlerweile – wie bereits von manchem befürchtet - erste Fälle von Flaushy-Raub. Und irgendwie fühlte man sich draußen nicht mehr sicher, vielmehr unwohl, fast schon verängstigt. Früher gingen die Joyaner lächelnden Gesichtes durch die Straßen, sich gegenseitig mit einem „Hoi hoi!" grüßend – und einander bunte Flaushys schenkend. Diese Zeit schien weit, weit zurückzuliegen... Vorbei. Vergessen.
Das Leben auf dem Planeten änderte sich. Die Gesundheit der Joyaner litt. Viele klagten über Schmerzen in den Schultern und im Rücken. Das kam nicht von ungefähr. Denn die Joyaner liefen inzwischen gebückt. Viele fingen an zu glauben, dass die Ursache ihrer Rückenbeschwerden der Rucksack mit den Flaushys sein könnte. Fortan wurde es eine Seltenheit, jemanden mit dem (ehemals zur Grundausstattung gehörenden) Rucksack anzutreffen. Ja – das Leben auf 2joy hatte sich verändert...
Und trotzdem: Viele der Joyaner träumten nachts von den guten alten Zeiten, in denen es so harmonisch und unkompliziert zugegangen war. Das neue Leben behagt nicht allen. Und sollte dieses Leben bis in alle Ewigkeit so weitergehen? War das Unglück, das über den Planeten gekommen war, wirklich unvermeidlich? Etwas, was die Bewohner von 2joy bewusst heraufbeschworen und somit auch zu verantworten hatten?
Viele der Joyaner träumten nachts von den schönen alten Zeiten in denen es so herrlich harmonisch und glücklich zuging. Sollte es bis in alle Zeiten so weitergehen? War das Unglück, das herrschte wirklich dass, was die Bewohner von 2joy wollten? Sollte dieses Leben bis in alle Ewigkeit so weitergehen? Schaffen es die Joyaner wieder zu Ihrem alten Glück zurückzukehren?
Dieses Märchen wird weiter gehen…
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